3 Juni, 2019

Arbeiten im Rentenalter - Integration der Silver Society

Der demografische Wandel erfordert eine Veränderung des Arbeitsmarktes, gleichzeitig wandeln sich die Ansprüche an den Arbeitsplatz. Arbeitnehmer im Rentenalter bilden hier eine Ressource, von deren Nutzung nicht nur Unternehmen profitieren.

 

Demografischer Wandel – Freund oder Feind?

Es ist nicht neu, dass sich der Arbeitsmarkt langsam immer stärker verändert und Herausforderungen entstehen, die vorher nicht da waren. Schuld daran ist vor allem der demografische Wandel, der nicht nur sozial und kulturell, sondern auch wirtschaftlich eines der wichtigsten Themen unserer Zeit ist. Nicht zuletzt durch seine hohe und aktuelle Wichtigkeit hat er es daher auf die Agenden vieler Unternehmen und deren Entscheidungsträger geschafft.

Um den demografischen Wandel grob zu definieren, kann man sagen: es handelt sich im Wesentlichen um eine Verschiebung des Altersdurchschnitts einer Gesellschaft. Die drei Auslöser Lebenserwartung, Fruchtbarkeit und Migrationsrate bestimmen dabei, wie sich die Veränderung und Zusammensetzung einer Gesellschaft entwickelt. Insbesondere in den letzten Jahren und Jahrzehnten lässt sich im deutschen Raum ein Trend beobachten: während die Lebenserwartung steigt, wird weniger Nachwuchs geboren, wodurch sich das Durchschnittsalter immer weiter nach oben verschiebt. Auf der anderen Seite passt sich das Rentenalter aber nicht entsprechend an. Die Folge: das Durchschnittsalter von Arbeitnehmern steigt an, ohne dass diese bei absehbarem Rentenantritt mengenmäßig ersetzt werden könnten.

Dadurch entstehen Herausforderungen auf dem Arbeitsmarkt, die es in dieser Form noch nie gegeben hat – aber gleichzeitig öffnet sich das Fenster für neue Möglichkeiten.
 

Unfüllbare Kluft oder adaptierte Ansprüche an den Arbeitsmarkt?


Es ist also wichtig, der oben beschriebenen Blase auf dem Arbeitsmarkt möglichst früh entgegenzuwirken. Dafür kann es sinnvoll sein, einen Status Quo zu erstellen: Was sind die zukünftigen Probleme? Welche Lösungen sind möglich? Wie kann der Arbeitsmarkt produktiv bleiben und die Lücke des fehlenden Nachwuchses geschlossen werden?

Die gute Nachricht: diese Kluft ist nicht absolut unfüllbar – es gibt durchaus einige Optionen, deren Entstehen entgegenzuwirken. Neben der Adaption von Ansprüchen an den Arbeitsmarkt sticht vor allem die Chance hervor, die Ressource Silver Society mobil zu machen.

 

Problematik der mengenmäßigen Nachbesetzung


Das größte Problem der aktuellen Entwicklungen ist natürlich, dass die mengenmäßige Nachbesetzung der alternden Arbeitnehmer nur sehr schwer durchzuführen sein wird. Weil ein Großteil des derzeitigen Personalbestands schon bald das Rentenalter erreichen wird und gleichzeitig jüngere Generationen noch in Bildungseinrichtungen eingeschrieben oder erst sehr kurz auf dem Arbeitsmarkt sind, kann die Lücke so höchstwahrscheinlich nicht geschlossen werden. Das Resultat ist absehbar: ein Mangel an Arbeitskräften, der weder quantitativ noch qualitativ gefüllt werden kann. Ein internationaler Wettbewerb um hochwertige Fachkräfte in allen Industrieländern ist die Folge, was eine potentielle Bedrohung für viele Unternehmen darstellen wird. Obwohl die jüngsten Wirtschaftskrisen diese Problematik abgeschwächt haben, wird der Druck auf die Organisationen, junge und besonders talentierte Menschen einzustellen, am Ende der derzeitigen Rezession zunehmen.

Vielfältige Altersstruktur


Neben dem steigenden durchschnittlichen Arbeitsalter erzeugt der demografische Wandel einen weiteren Effekt: die Altersstruktur im Unternehmen wird sich verändern. Gab es früher in Unternehmen keine ungewöhnlich hohe Altersdifferenz, so werden in Zukunft drei oder vier verschiedene Generationen eng zusammenarbeiten. Dies kann für die Gesamtproduktivität des Unternehmens sowohl positive als auch negative Folgen haben. Während Arbeitnehmer unterschiedlichen Alters einerseits über komplementäre Fähigkeiten und Erfahrungen verfügen, mit denen sie gemeinsam für eine Produktivitätssteigerung sorgen, kann es andererseits zu altersbezogenen Diskriminierungen kommen, was negative Auswirkungen hätte.

Wissen geht verloren – oder nicht?

Besonders die wichtigste und größte Arbeitnehmergruppe – die sogenannte Babyboomer-Generation – wird in naher Zukunft in Rente gehen. Insbesondere im deutschsprachigen Raum war diese Generation für die Produktivitäts- und Innovationssteigerungen in den vergangenen Jahrzehnten verantwortlich und ihr Bestandteil in der Belegschaft von grundlegender Bedeutung. Wenn diese Vielzahl an qualifizierten Mitarbeitern nun aber wegfällt, verlieren die Unternehmen nicht nur Arbeitskräfte, sondern auch Wissen, Erfahrung und Kundenkontakte. Auch hier lässt sich also ein erheblicher wirtschaftlicher Druck ableiten. Es müssen Strategien her, die ein erhaltendes Wissensmanagement zum Ziel haben, um den Effekt zu verringern.

"Survival of the fittest" am internationalen Markt

Darüber hinaus steigt auch das Durchschnittsalter der verbleibenden Belegschaft immer weiter. Es stellt sich die Frage, ob deutsche Unternehmen weiterhin mit aufstrebenden Industrieländern wie China oder Indien konkurrieren können, die auf eine scheinbar unerschöpfliche Ressource an jungen Mitarbeitern zurückgreifen können. Gerade aus dem Grund, dass die Wirtschaft zunehmend von Innovationen getrieben wird, entsteht dadurch eine Herausforderung. Daher werden innovative und altersspezifische Personal- und Führungspraktiken zukünftig unvermeidlich – nur durch das Ergreifen solcher Maßnahmen können Mitarbeiter aller Altersschichten als produktive Arbeitskräfte bestehen.

Neue Chancen und mögliche Adaptionen


Der demografische Wandel, der bisher vor allem bezüglich seiner Herausforderungen beleuchtet wurde, muss aber auch von seiner anderen Seite betrachtet werden: so bieten sich auch vielfältige Möglichkeiten, die Veränderung auf dem Arbeitsmarkt zu nutzen. Insbesondere die Beschäftigung von Arbeitnehmern im Rentenalter wird hier in Zukunft eine Rolle spielen. Diese sogenannte Silver Society besitzt individuelle Merkmale, die für ein Unternehmen besonders wertvoll sein werden.

Das liegt nicht nur an der Zusammensetzung des Arbeitsmarktes, sondern vor allem auch am Wachstum des entsprechenden Kundensegments. Der sogenannte "Silver Market" umfasst Menschen in Altersgruppen ab 50 Jahren und enthält nahezu die Hälfte der deutschen Kaufkraft. Durch Expansion europäischer Unternehmen und Anpassung an die spezifischen Bedürfnisse des Silver Markets können wichtige Wettbewerbsvorteile genutzt werden. Eine Möglichkeit, dieses Kundensegment besser zu verstehen, besteht darin, Mitarbeiter im äquivalenten Alter einzustellen, zu beschäftigen und zu binden. Daher werden Unternehmen, die den Silver Market verstehen, sehr wahrscheinlich in Zukunft die Nase vorn haben.

Natürlich sind Veränderungen nötig, um diese Vorteile zu erreichen. Dabei handelt es sich im Wesentlichen um zwei Faktoren: die Nutzung der Ressource Silver Society auf dem Arbeitsmarkt und die Anpassung der Arbeitsplätze durch veränderte Anforderungen.
 

Silver Society


Mit dem demografischen Wandel findet gleichzeitig auch ein anderer Wandel statt: die Veränderung der Wahrnehmung von Alter. Während früher bereits das Alter des Renteneintritts als definierender Faktor galt, werden Menschen heutzutage erst deutlich später als "alt" wahrgenommen - und fühlen sich auch erst später alt. Die dadurch neu entstandene Silver Society bildet dieses Segment ab. Menschen dieser Gruppe genießen einen neu zu definierenden Status, der im weiteren Verlauf des demografischen Wandels immer wichtiger werden wird. Ein deutlicher Einfluss auf den Arbeitsmarkt ist aber nicht nur zu erwarten – sondern auch zu begrüßen.

Soziale und gesundheitliche Aspekte als positive Auswirkung

Einen Generalbegriff für "alte Menschen" im früher gelebten Sinne gibt es nicht mehr. Vielmehr kann man verstärkt eine Segmentierung in "junge Alte", "mittlere Alte" und "Hochaltrige" beobachten, wobei erst die letzte Gruppe vom Arbeitsmarkt eher nicht genutzt werden könnte. Damit geht eine Veränderung des sozialen Gefüges einher, da nicht alle Altersstufen bereits ein Gefühl des Alterns verinnerlicht haben, sondern noch sozial fest in die Gesellschaft integriert sind. Das liegt vor allem an diesen Faktoren:

  • Das gefühlte Alter entspricht oftmals nicht dem reellen Alter, wodurch andere Lebensstile und Aktivitäten ausgeübt werden;
  • Die Lebenserwartung ist deutlich gestiegen, dies nicht zuletzt durch medizinische Fortschritte;
  • Die Lebenszufriedenheit im Alter ist höher, wodurch vor allem Selbstverwirklichung zu einem wichtigen Faktor wird. Dieser Faktor lässt sich ebenfalls im Beruf verankern.

Gesellschaftlicher Wandel

Auch stellt die Silver Society nicht nur eine neue gesellschaftliche Gruppe an sich dar, sondern verändert auch das Gefüge der vorhandenen Gruppen zueinander. Es verändert sich dadurch nicht nur der wirtschaftliche Markt (insbesondere in den Brachen Gesundheit, Tourismus und Stadtplanung), sondern es müssen auch neue Definitionen her. Zum Beispiel, welche Pflichten und Verantwortungen das Alter mit sich bringen wird. Ein "Ausruhen" in den früheren bis mittleren Phasen dieses Lebensabschnittes wird nicht mehr wie früher möglich sein – es entsteht eine neue gesellschaftliche Verantwortung.

Silver Society auf dem Arbeitsmarkt

Ein Teil dieser neuen gesellschaftlichen Verantwortung stellt die Integration auf dem Arbeitsmarkt dar. Hiervon können beide Seiten profitieren, da es sich sowohl um eine neue Art von Arbeitnehmern als auch um eine alternde Konsumentengruppe handelt, die bedient werden muss und soll. Die Silver Society bringt als Arbeitnehmer vor allem folgende Vorteile mit sich:  

  • Nutzung von bereits vorliegenden komplementären Fähigkeiten und Erfahrungen sowie auch von Wissen und Kundenkontakten;
  • Andere Sicht auf Leistung, Wachstum und Innovationen, was oft durch Lebenserfahrung und bereits jahrelanger Teilnahme am Wirtschaftsmarkt bedingt ist;
  • Streben nach Erfüllung: sinnstiftende Tätigkeit für ältere Arbeitnehmer und häufig auch Weiterführung der Arbeit als Teil der (früheren bzw jüngeren) Identität. Darüber hinaus kann ein neues Gefühl des "weiterhin gebraucht werden" entstehen.

Für Unternehmen der Zukunft ist es daher notwendig und auch sinnführend, Arbeitnehmer im Rentenalter zu beschäftigten und diese zu integrieren. Auch gesellschaftlich lassen sich dadurch positive Effekte erwirken, wie etwa die Verringerung der Altersarbeitslosigkeit.

Ansprüche an Arbeit und Arbeitsplätze

Was bedeutet all dies für künftige Arbeitgeber und Arbeitsplätze? Eine wichtige Rolle spielt hierbei, dass nicht nur eine Adaption der Arbeitsansprüche stattfindet, sondern im gleichen Zug auch Arbeitsplätze so gestaltet werden müssen, dass sie dem Konzept der generationsübergreifenden Zusammenarbeit gerecht werden. Dabei kann auf verschiedene Möglichkeiten zurückgegriffen werden.

Wenn ältere und jüngere Mitarbeiter eng zusammenarbeiten, wird nicht nur umso mehr Wissen weitergegeben, sondern auch die Belastung effizient verteilt.

Neue Voraussetzung: generationsübergreifendes Management

Ein wichtiger Faktor bei der Gestaltung der Arbeitsplätze wird es sein, insbesondere im Management auf die Bedürfnisse, Fähigkeiten und Qualitäten der verschiedenen Generationen eingehen zu können. All jenen Generationen können generelle Lebensphasen, Charakteristika und gewohnte Arbeitsumfelder und -tätigkeiten zugeschrieben werden, die im Zuge eines generationsübergreifenden Management miteinander verbunden und optimiert werden sollten. Daher müssen es sich Unternehmen zum Ziel machen, die Bedürfnisse zu erkennen, Strategien zu entwickeln und anzuwenden. Die Stichwörter lauten: Zielvorgaben, Aufgabenverteilung, generationsübergreifendes Teammanagement und altersfreundliche Unternehmenskultur.

Emotionale Intelligenz einsetzen

Auch haben viele Studien in der jüngeren Vergangenheit interessante Ergebnisse in Bezug auf die Fähigkeiten von Mitarbeitern aus der Silver Society erzielt: so lässt sich ableiten, dass ältere Mitarbeiter vor allem in ihrer emotionalen Intelligenz die Nase vorn haben. Ihr emotionales Gleichgewicht erlaubt ihnen, mit aufreibenden Situationen besser klarzukommen und erfahrener und zuverlässiger zu arbeiten, weshalb auch diese Eigenschaft in modernen Unternehmen unbedingt nutzbar gemacht werden sollte.

Arbeitsplatz inklusiv gestalten

Natürlich gibt es ebenso Beschränkungen, die mit der Beschäftigung älterer Mitarbeiter einhergehen. Da vor allem körperliche Tätigkeiten nur noch bedingt möglich sind, kann sich ein Vermischen der Teams lohnen: wenn ältere und jüngere Mitarbeiter eng zusammenarbeiten, wird nicht nur umso mehr Wissen weitergegeben, sondern auch die Belastung effizient verteilt. Darüber hinaus helfen maschinelle Veränderungen, etwa neue produktionsbegleitende Maschinen und andere Modernisierungen, die allgemeine physische Belastung gering zu halten.

Ihr emotionales Gleichgewicht erlaubt ihnen, mit aufreibenden Situationen besser klarzukommen und erfahrener und zuverlässiger zu arbeiten [...]

Incentives setzen

Nicht nur in jüngeren, sondern auch in älteren Generationen haben neben Arbeitstätigkeit und Gehalt weitere Themen für eine bessere Zufriedenheit gesorgt: Incentives. Insbesondere im Hinblick auf die Silver Society sollten hier Wege eingeschlagen werden, die nicht nur die Attraktivität des Unternehmens erhöhen, sondern auch zur Gesundheit beitragen. Es gilt: wer investiert, erhöht nicht nur die Zufriedenheit, sondern auch die Produktivität. Infrage kommen beispielsweise Möglichkeiten zur psychologischen und medizinischen Betreuung, Präventionskurse und Verbesserung der Work-Life-Balance.

Modelle der Zukunft

Ein Management der Zukunft sollte folglich eine Arbeitsumgebung schaffen, in der nachhaltiges Engagement, persönliche Zufriedenheit und eine hohe Produktivität aller Generationen an Mitarbeitern ermöglicht wird. Dies setzt vor allem Flexibilität voraus. Es muss folglich eine Inklusion und Schaffung personalisierter Arbeitsplätze stattfinden, um das generationsübergreifende Zusammenarbeiten bestmöglich zu gestalten. Auch sind Schnittstellen zum Informationsaustausch und zur optimalen Nutzung aller personellen Ressourcen notwendig, damit ein umfassendes Profitieren stattfinden kann. Hierzu können beispielweise auch ältere Mitarbeiter als externe Berater tätig werden, wie es in manchen internationalen Großkonzernen bereits gelebt wird. Erst, wenn diese Bedingungen gegeben sind, kann die Inklusion zukünftig sinnvoll funktionieren - und das Arbeiten im Rentenalter sowohl für die Silver Society als auch für den Rest der Belegschaft profitabel machen.

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