15 April, 2019

Befreiung vom Damoklesschwert - Der Wert von Vertrauen in der Unternehmenskultur

Freiheit und Selbstverantwortung gehören zusammen. Beides funktioniert nicht ohne gegenseitiges Vertrauen – eine Fähigkeit, die erst trainiert werden muss. Ein Beispiel aus Mitteldeutschland zeigt, wie Arbeitgeber und Arbeitnehmer zueinander finden.

Marcus Hendel sitzt gerade im Auto und pendelt zwischen zwei Unternehmensstandorten, während er über Freiheit und Vertrauen spricht. Er bezieht sich auf den Apple-Gründer Steve Jobs, wenn er sagt: „Es macht einfach keinen Sinn, schlaue, gutbezahlte Leute einzustellen, um ihnen dann zu sagen, was sie zu tun haben.” Diese Einstellung musste Marcus Hendel erst lernen. Seit acht Jahren arbeitet er als Personalverantwortlicher für das Unternehmen Mercateo, ein erfolgreicher Betreiber von OnlinePlattformen für Unternehmen und ein mehrfach ausgezeichneter Arbeitgeber für mehr als 550 Menschen. Die beiden größten Unternehmensstandorte befinden sich in Leipzig und Köthen in Mitteldeutschland. Dort liegen die Hauptaufgaben in den Bereichen Kundenservice, Buchhaltung und IT. Zu den wichtigsten Fähigkeiten, die Marcus Hendel bei den Einstellungsgesprächen sucht, gehören Kreativität und Eigenverantwortung.

Eine Frau, die genau in dieser Hinsicht überzeugt, ist Susan Philipowski. „Sie ist neugierig, mutig, flexibel und hat von Anfang an gezeigt, dass sie mit anpacken will. Das ist ein gutes Beispiel dafür, dass die Persönlichkeit perfekte fachliche Qualifikation schlagen kann”, sagt Hendel. Für das innovative Geschäftsfeld und die Herausforderungen bei Mercateo kann man sich ohnehin nicht optimal vorbereiten. Vieles wird von einem auf den anderen Tag einfach neu erfunden.

Susan Philipowski kam aus einem sehr starren Arbeitsverhältnis, in dem die physische Präsenz mehr zählte als das Ergebnis am Ende des Tages. Die Mutter einer dreijährigen Tochter suchte nach familienfreundlichen Arbeitsbedingungen und bewarb sich bei Mercateo für den Bereich Anbietermanagement. „Für mich haben flexible Arbeitszeiten einen mindestens genauso hohen Stellenwert wie das Gehalt”, erzählt sie via Headset von ihrem Homeoffice aus. Ihr Vertrag umfasst eine 40-Stunden-Woche, doch die Arbeitszeiten kann sie sich frei gestalten. Dabei spricht sie sich innerhalb des achtköpfigen Teams rechtzeitig ab. Angesichts des zeitlichen Drucks durch Kita-Schließzeiten fängt sie lieber früher am Tag mit der Arbeit an. „Nur so kann ich den Spagat zwischen beruflichen Aufgaben und den Bedürfnissen meiner Tochter bewältigen.” Bei außergewöhnlichen Herausforderungen entscheidet sie sich auch mal, von zu Hause aus zu arbeiten. Hierfür steht ein Laptop zur Verfügung, den sie bei Bedarf mitnehmen und über den sie sich dann in das interne System einwählen kann. An Meetings nimmt sie via Video-Übertragung teil.

... der Aufwand für ein Zeiterfassungssystem wäre viel größer, als unseren Mitarbeitern einfach zu vertrauen ...

... der Aufwand für ein Zeiterfassungssystem wäre viel größer, als unseren Mitarbeitern einfach zu vertrauen ...

Marcus Hendel

Sich selbst auf diese Weise zu managen, auf sich zu achten und irgendwann auch einen Schlussstrich zu ziehen und Feierabend zu machen – das musste Susan Philipowski erst lernen. Die Freiheiten, die sie genießt, haben sie anfangs eher verunsichert. Um im Zweifelsfall einen Nachweis zu haben, führte sie von sich aus eine Zeitmanagementtabelle. „Doch das habe ich bald sein lassen. Es klappt einfach super, wie wir Kollegen uns untereinander absprechen und uns gegenseitig sofort Rückmeldung geben, was ok ist und was nicht. Unsere Kalender sind gut gepflegt und wir können jederzeit sagen, wo sich jeder gerade aufhält.”

Diese Selbstorganisation unter Kollegen gehört mit zum Konzept bei Mercateo. „Denn der Aufwand für ein Zeiterfassungssystem wäre viel größer, als unseren Mitarbeitern einfach zu vertrauen”, findet der Personaler Marcus Hendel. Die kleinen Teams mit maximal 20 Personen handeln ihre Grenzen unter sich aus. Das bedeutet, im Fall des Falles auch mal freiwillige Überstunden zu leisten. Umgekehrt fällt es sofort auf, wenn jemand zu viel abwesend ist und seine Arbeit von den Kollegen bewältigt werden muss.

Diese Art der Organisation erfordert auch viel Empathie und gegenseitige Rücksichtnahme. Solche Fähigkeiten stärkt ein hauseigener Trainerstab. In der sogenannten „Academy” durchläuft jeder neue Mitarbeiter ein Standardprogramm und lernt zum Beispiel, konstruktiv Kritik zu äußern, schnell Feedbacks zu geben oder auch mal „Nein” zu sagen. Denn: „Nur sprechenden Menschen kann geholfen werden”, so Marcus Hendel. Die Mitarbeiter werden auch darin bestärkt, kreativ zu sein,
Eigenverantwortung zu übernehmen und selbständig Entscheidungen zu treffen, um anfallende Probleme zu lösen.

Für mich haben flexible Arbeitszeiten einen mindestens genauso hohen Stellenwert wie das Gehalt.

Für mich haben flexible Arbeitszeiten einen mindestens genauso hohen Stellenwert wie das Gehalt.

Susan Philipowski

Die Philosophie lautet, Fehler zuzulassen, zu ihnen zu stehen und auf diese Weise gemeinsam daraus zu lernen. „Das funktioniert natürlich nur in einem wirtschaftlich gesunden Unternehmen”, räumt Hendel ein. Sollte mal etwas schiefgehen, egal ob auf Mitarbeiter- oder Führungsebene, wird das transparent kommuniziert. Newsletter informieren alle über das Wichtigste, das im Unternehmen vor sich geht.

Doch es braucht umgekehrt auch das Vertrauen des Mitarbeiters. Er muss sich frei und sicher fühlen in seinem Vorgehen und darauf vertrauen, dass nicht bei jedem Schritt das Damoklesschwert über ihm schwebt. Auch hier hilft die hauseigene Academy etwas nach. „Doch Vertrauen ist ein Grundgefühl, das man nicht herzaubern kann”, schränkt Hendel ein. „Es muss schon da sein, auch wenn es nur ein kleines Pflänzchen ist, das dann genährt werden und mit der Zeit wachsen kann.”

Manche Charaktere passen einfach nicht in diese Unternehmenskultur. Wenn jemand am Ende der sechsmonatigen Probezeit noch Misstrauen hegt, merke man das dieser Person eindeutig an, findet der Personaler. Er rate ihr dann, sich lieber einen anderen Arbeitgeber zu suchen. Allerdings gestehe es sich das Unternehmen auch zu, einem von zehn Mitarbeitern besondere Zuwendung entgegenzubringen. Denn nicht allein der wirtschaftliche Gewinn soll hier im Vordergrund stehen. Vielmehr werde der Mensch als Kapital angesehen. Das wiederum bringt viele Werte mit sich. Einer davon ist das Vertrauen. „Ich persönlich sehe es als eines der wichtigsten Kulturgüter, die wir haben”, sagt Marcus Hendel.

Unternehmenskultur müsse erst an der Spitze vorgelebt werden, um authentisch zu sein und sich im Haus verbreiten zu können, findet auch Susan Philipowski. Sie fühlt sich so wohl, dass sie sich über ihre Arbeitszeit hinaus engagiert und zusammen mit anderen Kollegen Kinoabende für die Mitarbeiter organisiert. „In meinen Arbeitsbedingungen und allen voran in der Zeitsouveränität sehe ich für mich nur Vorteile. Ich bin sehr dankbar für diesen Vertrauensbonus, den mir mein Unternehmen entgegenbringt”, erzählt sie.

Quellen

  • "Führung: Freiheit braucht Vertrauen" von Prof. Dr. Heike Bruch08.03.2019Link
  • "Die Neuerfindung der Arbeitswelt"08.03.2019Link
  • "Integral Leadership oder Wege zur persönlicher und unternehmerischer Meisterschaft"08.03.2019Link
  • "Integrales Management"08.03.2019Link
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