23 Juli, 2019

David S. Kidder

Viele Unternehmen, die heute auf dem globalen Markt eine wichtige Rolle spielen, waren einst ein Startup. David S. Kidder fordert, dass Konzerne sich wieder an die Impulse der Gründungsphase erinnern, um Wachstum zu erreichen. Maßgeblich am Erfolg beteiligt ist dabei auch die Umgebung, in der Umdenken passiert.

 

Unternehmenswachstum: Zurück zu den Wurzeln

David S. Kidder sieht Unternehmen nur dann erfolgreich wachsen, wenn statt festgefahrener Planung die Kreativität der Aufbauphase zurückkehrt. Das betrifft nicht nur das Mindset, sondern vor allem die Umgebung am Arbeitsplatz, in der neue Prozesse angestoßen werden.

US-Unternehmer David S. Kidder kennt sich mit Startups wie kein anderer aus. Insgesamt hat er dank eines geschickten Netzwerkes in über 30 Firmen investiert, darunter in die Online Marketingunternehmen Clickable und SmartRay Network. Der Absolvent des Rochester Institute of Technology hat für seine unternehmerischen Konzepte zahlreiche Preise und Auszeichnungen erhalten, zum Beispiel den ID Magazine's International Design Award und im Jahr 2008 den Ernst and Young's Entrepreneur of the Year Award. Der New York Times- Bestsellerautor ist Mitgründer und Geschäftsführer von Bionic, einem Unternehmen, dass die Strategien von Startups in etablierte Firmen installiert, um nachhaltiges Wachstum zu ermöglichen. Denn genau daran fehlt es in der Branche. Selbst dann, wenn sich die Unternehmensbilanzen hervorragend darstellen. Seine Praxiserfahrungen hat David S. Kidder in seinem Meisterwerk "The Startup Playbook" gebündelt. Hier enthüllt Kidder die Regeln und Führungsstrategien erfolgreicher Unternehmer, Investoren und Manager. Dabei beschränkt er sich nicht auf trockene Theorie, sondern zeigt an zahlreichen Erfolgsstorys von Unternehmen wie Spandex oder TED, wie Paradigmenwechsel nachhaltiges und ganzheitliches Wachstum ermöglichen - sofern die Bereitschaft zum radikalen Umdenken auf allen Ebenen einer Firma vorhanden ist.

Wachstum bedeutet für Kidder nicht, Bilanzen zu studieren und daraus Strategien abzuleiten.

Effizienz bedeutet nicht automatisch Wachstum

Wachstum bedeutet für Kidder nicht, Bilanzen zu studieren und daraus Strategien abzuleiten. Viel eher geht es ihm darum, die Probleme und Herausforderungen anzugehen, die noch gar nicht auf der Unternehmensagenda aufgetaucht sind. Das erfordert eine grundsätzliche Hartnäckigkeit, da viele dieser Probleme nicht einmal spruchreif sind und folglich Lösungen erfordern, die jenseits des aktuellen Vorstellungsvermögens liegen. Im Management heute dreht sich alles um Effizienz, was sich in verschlankten Unternehmensstrukturen und gut aufeinander abgestimmten Mechanismen dokumentiert. Mit einem entsprechend starken Willen lässt sich zwar Wirtschaftlichkeit realisieren, doch Wachstum bleibt außen vor. Fragt sich nur, warum das so ist. Kidder ist überzeugt davon, dass Unternehmen für Wachstum und Wirtschaftlichkeit nach wie vor dieselben Mechanismen anwenden. Voraussetzung sind Kapital und Unternehmergeist, was dazu führt, neue Investitionsfelder zu entdecken und nach Abwägung zu investieren. Diese klassische Technik des Managements bringt zwar durchaus Effizienz im Sinne von monetärem Erfolg bei schlanken Strukturen, doch dürfen diese Erfolgsbilanzen nicht einfach mit Wachstum gleichgesetzt werden.

Warum Unternehmen nicht wachsen

Unternehmen heute haben in der Regel weder einen Mangel an Talenten noch an Kapital. Sie haben eher ein Problem, auf der Führungsebene Dinge auch zuzulassen. Der gesteckte Rahmen ist zu schmal. Alles fokussiert sich auf die Intervalle, in denen auf die nächsten Bilanzen hingearbeitet wird, was keinen Freiraum für neue Ideen erlaubt. Ein weiterer Hemmschuh für Wachstum kann ebenfalls Teamwork im konventionellen Sinn sein. Wer sich die Geschichte erfolgreicher Unternehmen anschaut, wird feststellen, dass große Kehrtwendungen selten eine Konsensentscheidung waren und oft gegen erhebliche Widerstände durchgesetzt wurden. Tatsächlich sind es oft die einvernehmlichen Beschlüsse, die in den Misserfolg führen. Da jeder die unternehmerische Idee nachvollziehen kann, versteht sie auch der Markt, wodurch das ersehnte Wachstum ausbleibt. Daher müssen die Weichen gestellt werden, um unkonventionelle oder sogar ungeliebte Entscheidungen zu treffen. Das erfordert eine Menge Mut. Die meisten Unternehmer verbleiben daher in der Phase, in der sie großartig mit bewährten Branchenproblemen umgehen und dafür auch entsprechend vom Markt belohnt werden. Dabei benutzen sie die bewährten Strategien, um vierteljährlich oder sogar drei Jahre im Voraus zu planen. Doch wie sieht es danach aus? Nach drei Jahren werden Märkte und Technologien nicht mehr dasselbe sein. Eine erfolgreiche Zukunft erfordert radikales Umdenken. Wie wäre es damit statt drei unternehmerische Coups pro Jahr dreißig zu setzen, die nicht unbedingt eine breite Zustimmung finden? Diese erhöhte Frequenz bedeutet, schneller als jeder andere in der Branche zu lernen und somit neue, echte Rahmenbedingungen für Wachstum zu setzen.

Wieder den Geist der Gründungsphase entdecken

Wenn ein Unternehmer eine neue Idee ins Spiel bringt, wird darüber gewöhnlich im Team diskutiert. Damit wird der Lernprozess schon im Vorfeld ausgehebelt. Denn das Team widerspricht in der Regel nicht den Vorschlägen aus der Führungsetage und außerdem traut sich niemand, die Wahrheit zu sagen, da ein Reinfall teuer zu stehen kommt. Unternehmer sind geradezu besessen von Problemen. Jede Idee ist dabei recht, solange dadurch die zugrunde liegende Herausforderung gelöst wird. Dabei besagt einer der Managementansätze im Bereich Risikokapital: "Ziehe los und bringe mir die Wahrheit." Das kann nur gelingen, wenn Firmen wieder in den Geist ihrer Gründungsphase zurückfinden, als alle Zeichen auf Langzeitwachstum und nicht den schnellen Erfolg ausgerichtet waren. Genau in dieser "wiederholten Gründung" liegt der Keim für eine echte Transformation, die statt Effizienz endlich das ersehnte Wachstum bringt.
 

Um kreative Lernprozesse anzustoßen, müssen daher am Arbeitsplatz verschiedene Bereiche und Erfahrungswelten vorhanden sein

Wachstum entsteht nur in einem entsprechenden Arbeitsumfeld

Den Kurswechsel anzugehen, ohne entsprechende Rahmenbedingungen zu schaffen, ist wie ein Kampf gegen Windmühlen. Niemand kann ernsthaft erwarten, dass in den Köpfen eine Wende stattfindet, wenn das Arbeitsumfeld noch dem alten Geist verpflichtet ist. Kein Mitarbeiter wird der Aufforderung, von jetzt an umzudenken, nachkommen, wenn er danach in sein altes, wenig inspirierendes Büro zurückkehren muss. Um kreative Lernprozesse anzustoßen, müssen daher am Arbeitsplatz verschiedene Bereiche und Erfahrungswelten vorhanden sein. Das ist auch eine Generationenfrage. Am Wettbewerb um neue Talente nehmen weltweit aktuell 1,8 Milliarden Millennials teil. Sie alle wollen arbeiten, sich entwickeln, neue Prozesse anstoßen und den Dingen auf den Grund gehen. Diese Geisteshaltung steht in Widerspruch zu einer Unternehmensphilosophie, die auf Effizienz fixiert ist. Denn in solchen Unternehmen wird auch das Arbeitsumfeld bis auf den letzten Quadratzentimeter kalkuliert. Ein Konzept, das nicht zu inhabergeführten Unternehmen passt. Hier muss sich das Arbeitsumfeld den Bedürfnissen von Mitarbeitern anpassen, die mit ihrer Kreativität Wachstum generieren.

Unkonventionelle Bürokonzeptionen fördern neue Denkprozesse

Fast scheint es, als ob Kidder hier das alchemistische Prinzip des "Wie innen, so außen" zugrundelegt. Bei Bionic hat er es erfolgreich umgesetzt. Das Ambiente im Unternehmen schafft Freiräume, in denen neue Ideen wachsen können. Dabei berücksichtigt das Konzept selbst kleine Details wie ein Stehpult, aber auch eine großzügig angelegte Fläche, die "Jedi Lounge" genannt wird. Alles vom Meetingroom bis hin zum unternehmenseigenen Catering ist auf die Unterstützung unkonventioneller Denkprozesse ausgerichtet. Kidder ist sich sicher, dass Potenzial brach liegt oder sogar erlischt, wenn neue Talente in ein konventionelles Arbeitsumfeld gesteckt werden. Es geht letztendlich um die Resonanzen, die eine Konzeption der Arbeitsplätze in einem kreativen Kopf hervorruft, sodass dabei ein Ergebnis entsteht, das zu neuen Entdeckungen und somit Wachstum führt.

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