26 August, 2019

New Work – Freiheiten müssen im Kopf reifen

Was das Silicon Valley und der Westerwald gemeinsam haben? Innovative Unternehmen, die schon heute intensiv auf der Suche nach der idealen Arbeitsform von morgen sind. Das Herdorfer Unternehmen Thomas kann nicht nur auf rasantes Wachstum verweisen, sondern bietet seinen Mitarbeitern bei allem Teamgedanken ein Höchstmaß an individuellen Freiheiten.

Wer sich intensiv mit New Work und einer bevorstehenden Revolution moderner Arbeitswelten auseinandersetzt, der landet ziemlich schnell im Silicon Valley. Das US-amerikanische Silicium-Tal ist nicht nur einer der weltweit bedeutendsten Standorte der IT- und Hightech-Industrie, sondern gilt als Denkfabrik für neue, effektive Formen des Arbeitens. Unternehmen wie Google, Apple, Intel, eBay oder Facebook konnten vom südlichen Teil der San Francisco Bay Area – also der Metropolregion rund um die Städte San Francisco und San José – ihren Weltruf begründen. Während die Menschen den unaufhaltsamen Aufstieg der Kalifornier zu Big Playern mit nahezu monopolistischer Bedeutung ehrfürchtig zur Kenntnis nahmen, haben die Unternehmen trotz eines gigantischen Wachstums auch noch die Art und Weise der Zusammenarbeit revolutioniert – und neu definiert.

Mit dem Blick auf Europa – respektive auf Deutschland – stellt sich die Frage, was der alte Kontinent den globalen Entwicklungen entgegensetzen kann – und will. Während sich die politische Seite für eine stärkere Digitalisierung der Arbeitswelt inklusive der Prozessketten stark macht, hat es den Anschein, als seien die 30 DAX-Unternehmen von mehr als zehn Boom-Jahren vom Erfolg ein wenig ermüdet. Wie sich die Veränderungen der Arbeit in die Realität eines bodenständigen Familienunternehmens übertragen lassen, zeigt sich im Westerwald. Genauer gesagt nach Herdorf im Hellertal (Landkreis Altenkirchen). In der Stadt leben knapp 7.000 Menschen. Herdorf ist ein staatlich anerkannter Erholungsort. Mit 517 Metern ist der Hohenseelbachkopf die höchste Erhebung des Orts. Wichtigstes Unternehmen der Stadt ist Thomas. Seit mehr als 50 Jahren ist das idyllische Hellertal Firmensitz und Heimat.

Leistungsfähiger Mittelstand in Deutschland

 

Dass in ländlicher Umgebung ein mittelständisches Unternehmen zu finden ist, welches in puncto Dynamik und Wachstum eine atemberaubende Entwicklung aufzuweisen hat, ist gleichzeitig ein zweifacher Beweis für die Stärke des Standorts Deutschland. Einerseits ist Thomas der eindrückliche Beleg für die Leistungsfähigkeit des deutschen Mittelstands. Andererseits zeigt Thomas, dass Veränderungen nicht zwangsläufig in den Metropolen dieser Welt ihren Anfang nehmen müssen. Als Familienunternehmen entwickelt und fertigt Thomas elektromagnetische Aktuatoriksysteme für die Automotive- und Mobilhydraulik-Industrie. Auf der Grundlage einer Null-Fehler-Qualitäts-Philosophie sind die Westerwälder zu einem führenden Zulieferer gewachsen. Die Premiumhersteller der Automobilindustrie zählen ebenso zu den Kunden von Thomas wie führende internationale Hersteller von Fahrzeugen und mobilen Arbeitsmaschinen sowie Systemzulieferer.

Zahl der Mitarbeiter wächst rasant!

 

Derzeit  befindet sich Thomas in einer Phase, die mit rasantem Wachstum nur unzureichend beschrieben ist. Während die Zahl der Beschäftigten im Jahr 1995 noch bei rund 150 lag, stehen die Herdorfer kurz davor, die Schallmauer von 1.000 Beschäftigten zu durchbrechen. Der Blick auf eine beeindruckende Bilanz zeigt, dass sich die Zahl der Mitarbeiter zwischen 2010 und 2015 von 266 auf 533 verdoppelt hat. Dieses Kunststück ist im Zeitraum von 2015 bis 2019 gleich noch einmal gelungen. Analog zur Zahl der Beschäftigten haben sich auch die Umsätze von Thomas entwickelt. Lag der Umsatz 1995 noch bei 15 Millionen Euro, so stieg er bis 2010 bereits auf 127 Millionen Euro. Für 2019 rechnet Thomas mit einem Umsatz von 195 Millionen Euro. „Schlüssel aller unserer Erfolge sind die Mitarbeiter“, macht Domenique Berg, HR Managerin bei Thomas deutlich, dass die Beschäftigten im Unternehmen eine besondere Wertschätzung genießen. Diese äußert sich im Unternehmenskodex der Inhaberfamilie. Darin ist festgehalten, dass das Wohl des Unternehmens und damit auch das der Mitarbeiter an erster Stelle steht. Company first ist demzufolge der zentrale Leitsatz der Geschäftsführung und der Inhaberfamilie. Er hilft, neue Stellen mit qualifiziertem Personal zu besetzen.

 

"Schlüssel aller unserer Erfolge sind die Mitarbeiter"

"Schlüssel aller unserer Erfolge sind die Mitarbeiter"

Domenique Berg, HR Managerin

Mitarbeitern große Verantwortung übertragen

 

Parallel zum rasanten Wachstum der Belegschaft haben sich die Verantwortlichen bei Thomas an die Fragestellung herangewagt, auf welche Art und Weise die Arbeit der Zukunft organisiert werden soll. Projektarbeit, fluide Teams, Coworking Spaces, straffe oder durchorganisierte Arbeitsformen – so ziemlich alles wurde diskutiert. „In einem moderierten Prozess wurden unsere Mitarbeiter eng in diese geplante Veränderung einbezogen“, berichtet Michael Hofmann, Leiter der Thomas Akademie, einen ergebnisoffenen Prozess, der nicht immer leicht war. Rückblickend lässt sich sagen, dass die Mitarbeiter begeistert sind. Entstanden ist ein ganzheitlicher Ansatz, denn: Die Veränderung der Arbeitswelt spiegelt sich nicht nur in der Kommunikation und dem Miteinander der Beschäftigten wider, sondern auch in einem modernen  Gebäude, das bauliche Antworten auf die selbst entwickelten Standards für die ideale Arbeitsform findet.

Ideale Arbeitsbedingungen als besondere Wertschätzung

 

Veränderung hat Tradition bei Thomas. Eine Wandaufschrift im neuen Gebäude verkündet: „Wer die Zukunft gestalten will, muss die Gegenwart verändern.“ Wer das neue Gebäude am Innomotion Park 2 betritt, dem wird unmittelbar klar, dass dies jenseits der Regel ist und dass die Infrastruktur auch ein Instrument der Mitarbeiterbindung sein kann. Großzügig, exklusiv, freundlich und einladend – diese Botschaft scheint das Gebäude auszustrahlen. „Das empfinden unsere Mitarbeiter auch so,“ weiß die Personalreferentin Berg aus vielen Gesprächen. „Sie erleben das, was hier geschaffen wurde als Wertschätzung.“ Ziel aller baulichen und strukturellen Maßnahmen war es, dafür zu sorgen, dass unsere Mitarbeiter sich auch auf der Arbeit wohlfühlen“, macht Hofmann deutlich. Auf partnerschaftlicher Ebene hat die Geschäftsführung den Mitarbeitern auch etwas zurückgegeben. Frei nach dem Motto: Die Mitarbeiter haben maßgeblich zum Wachstum beigetragen, neue Arbeitsbedingungen sorgen fürs Wohlbefinden.

Mitarbeiter neue Freiheiten eingeräumt

 

Erneuert hat sich die Art und Weise der Zusammenarbeit und wie Räume genutzt werden. „Das ist eine große Veränderung zu den vorherigen Arbeitsplätzen“, berichtet die Personalreferentin. Die klassischen Büroarbeitsplätze wurden abgelöst von großzügigen Räumlichkeiten, die optischer Ausdruck einer offenen Zusammenarbeit sind. „Die Mitarbeiter haben weitreichende Freiheiten überantwortet bekommen“,  weiß Hofmann. „Die Idee dahinter geht davon aus, dass die Mitarbeiter nicht mehr nur für sich in ihrem Silo arbeiten, sondern ganz bewusst Netzwerke im Unternehmen knüpfen, um auch von den Kompetenzen anderer Mitarbeiter zu profitieren.“ Deswegen wurden auch die Büroflächen vergrößert. Heute sitzen mehr Mitarbeiter beieinander, die Zusammensetzung ist gemischter als bisher. Damit ist gewährleistet, dass ein größerer Austausch stattfinden kann. Gleichzeitig gibt es nahezu überall sogenannte Meeting-Points oder entsprechende Boxen, um die ungestörte Kommunikation zu ermöglichen. Die klassische Raumbuchung für Teambesprechungen wurde damit um eine schnelle und dynamische Option des gegenseitigen Austauschs ergänzt. Diese Kommunikationsinseln ermöglichen es Teams ohne organisatorische Vorbereitungen zusammenzukommen.

"Die Idee dahinter geht davon aus, dass die Mitarbeiter nicht mehr nur für sich in ihrem Silo arbeiten, sondern ganz bewusst Netzwerke im Unternehmen knüpfen."

"Die Idee dahinter geht davon aus, dass die Mitarbeiter nicht mehr nur für sich in ihrem Silo arbeiten, sondern ganz bewusst Netzwerke im Unternehmen knüpfen."

Michael Hofmann, Leiter der Thomas Akademie

Vertrauensvorschuss bietet Höchstmaß an Freiheit

 

Signifikante Veränderungen der Arbeitsorganisation ergänzen die neue Offenheit, die durch die moderne Infrastruktur entstanden ist. Ein neues Arbeitszeitmodell ermöglicht den Mitarbeitern ein Höchstmaß an Freiheit. „Die Ideen, die wir hier in enger Abstimmung mit unseren Mitarbeitern entwickelt haben, würden einem starren durchorganisierten Arbeitsmodell nach klassischem Nine-to-Five-Prinzip widersprechen“, sagt Domenique Berg. Deswegen haben wir eine Alternative entwickelt, die auf höchstmöglichem Vertrauen basiert  . Darin ist definiert, wie zusammen- gearbeitet wird. Die sogenannte Vertrauensarbeitszeit basiert auf einer 40-Stunden-Woche. Wann der Arbeitstag beginnt und wann er endet, vereinbaren die Mitarbeiter mit ihren Vorgesetzten. Geführt wird nach Zielen. Wenn die Arbeit nach 30 Stunden erledigt ist, kann der Mitarbeiter im Prinzip nach Hause gehen. „Im Prinzip deswegen, weil diese Möglichkeit nur selten genutzt wird“, berichtet Hofmann aus dem Alltag. In der Praxis unterstützen diese Kollegen meist die anderen Mitglieder ihres Teams. Nicht zuletzt aus diesem Grund wird die intensivierte Arbeit in Teams von den Mitarbeitern sehr geschätzt.

Betriebsvereinbarung zum Mobilen Arbeiten

 

Apropos Teams: Besonders bei der Entwicklungsarbeit gelingt es heute, durch Teamarbeit schon in sehr frühen Phasen umfassendes Know-how zusammenzubringen. „Die Tatsache, dass Entwickler, Projektleiter, Vertriebler, Prozessplaner und Einkäufer konsequent zusammenarbeiten, erhöht unsere Performance enorm“, weiß Berg. Wo die Mitarbeiter außerhalb dieser Zusammentreffen ihre Arbeit erbringen, ist ihnen weitgehend freigestellt. Sollte das Team die Anwesenheit an einem bestimmten Ort nicht erfordern, dann können sie sich mit Laptop und Telefon bewaffnet auch in die Kantine setzen und arbeiten. Für den umgekehrten Fall – also absolute Ruhe bei der Arbeit – steht eine Bibliothek bereit. Ein ausladender Blick in die idyllische Natur kann den Geist beflügeln. Ansonsten herrscht Ruhe. Totales Redeverbot. „Freiheiten wie diese sind besonders im Bereich Entwicklung sehr förderlich“, berichten die Kollegen der Personalreferentin Domenique Berg regelmäßig. Sie können den Horizont des Einzelnen für kreative und konzentrierte Arbeit weit öffnen. In einer entsprechenden Betriebsvereinbarung zum Mobilen Arbeiten ist das alles geregelt. Festgehalten ist, dass die Mitarbeiter die Möglichkeit haben, mobil zu arbeiten und darüber selbst entscheiden können. Auf dem Betriebsgelände, zu Hause oder in einem Café – alles ist möglich. Grundlage für das Funktionieren ist der Vertrauensvorschuss, den das Unternehmen gewährt und der verantwortungsvolle Umgang der Mitarbeiter mit diesen Freiheiten.

„Die Tatsache, dass Entwickler, Projektleiter, Vertriebler, Prozessplaner und Einkäufer konsequent zusammenarbeiten, erhöht unsere Performance enorm“

„Die Tatsache, dass Entwickler, Projektleiter, Vertriebler, Prozessplaner und Einkäufer konsequent zusammenarbeiten, erhöht unsere Performance enorm“

Domenique Berg, HR Managerin

Erfahrungen fließen in ein neues Technik-Zentrum

 

Die bisherigen Erfahrungen in der Praxis sind ausnahmslos positiv. „Allerdings“, gibt Hofmann zu bedenken, „viele Veränderungen müssen im Kopf erst reifen.“ Vor allem die Generation Z  schätzt die Unabhängigkeit. Auf dem Weg zu den heutigen Lösungen gab auch schwierige Phasen. Bei der Suche nach der idealen Arbeitsform erreichte der Begriff Desk-Sharing beispielsweise den Rang eines Unworts. Seinerzeit gab es die Überlegung, in einigen Bereichen keine festen Arbeitsplätze mehr anzubieten. Stattdessen sollten sich die Mitarbeiter einen zufälligen, freien Arbeitsplatz suchen, um die Kommunikation im Unternehmen anzustoßen. Die Workshops offenbarten aber recht schnell große Aversionen seitens der Mitarbeiter. „Das war eine klassische Überforderung“, wissen Berg und Hofmann heute. „Es bedarf eines Reifegrads, um Activity Based Working akzeptieren zu können.“ Erst dann ist der Ort, der meiner Arbeit zuträglich ist, positiv belegt und nicht eine Notwendigkeit, weil mein Arbeitsplatz nicht frei ist. Dinge wie diese sind für einen Transformationsprozess wie diesen aber wohl normal.

So komplex die Änderungen infrastruktureller und arbeitstechnischer Art auch sein mögen: Sie sind immer noch Zwischenstufe auf dem Weg zur idealen und zukünftigen Arbeitsform von Thomas . Dieser ist eingeordnet in einen umfassenderen Kontext. Die Erfahrungen werden in ein geplantes Technik-Zentrum einfließen,  das ebenfalls in Herdorf entstehen soll. Dort soll später die gesamte Verwaltung eine neue Heimat finden.

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