14 Juni, 2019

New Work – New Style? Dresscodes im Wandel der Zeiten

Sind Krawatten heute überbewertet? Vor zehn Jahren noch undenkbar, legen immer mehr Banker und Konzernlenker den Kulturstrick ab. Business Women setzen heute mehr farbliche und figurbetonende Akzente – auch mutige. Ehemals formale Kleiderordnungen wie Business Attire werden aufgelockert durch Business Casual. Die Digitalisierung und Start-up-Kultur wirken immer erkennbarer in die Gesellschaft hinein. Politiker, Manager und Berater kleiden sich häufiger lässig – bisweilen sogar nachlässig. Über den Wandel ehemals verbindlicher Dresscodes sprachen wir mit Lis Droste, Management-Trainerin für Stil und Etikette, sowie Jens Bastian, Chefeinkäufer von Outfittery.

„Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren“, urteilte der kürzlich verstorbene Modezar Karl Lagerfeld 2012 in einem Interview mit Markus Lanz. Geht es nach der Kreativbranche und Start-ups in den deutschen Metropolen, ist diese Bewertung überholt. Während es zu einer juvenilen Unternehmerszene von Hipstern durchaus passt, im Büro und vor gleichgesinnten Kunden in Hoodies, T-Shirts oder Pulli, Schlabberhosen, 3-Tage- oder Vollbärten und Turnschuhen zu erscheinen, sorgt ein solcher Aufzug allerdings in klassischen Branchen für Schnappatmung.

Es gibt weiterhin Dresscodes, auf deren Beachtung vor allem noch in konservativen Unternehmen Wert gelegt wird. Auch bei jungen Gründern, die beispielsweise Venture Capital einwerben wollen.

Es gibt weiterhin Dresscodes, auf deren Beachtung vor allem noch in konservativen Unternehmen Wert gelegt wird. Auch bei jungen Gründern, die beispielsweise Venture Capital einwerben wollen.

Lis Droste

Lis Droste berät seit fast drei Jahrzehnten Unternehmen und ihre Mitarbeiter in Stil- und Etikette-Fragen und beobachtet, dass sich formale Kleiderordnungen allerdings verändern, was Jens Bastian bestätigt: „Unternehmen legen ihre Kleiderordnung heute individueller fest.“ Ein fester Dresscode kommt anscheinend aus der Mode, wie die Beispiele einiger Banken zeigen. Mit jeder neuen Generation kommen wohl auch neue Regeln. „In Startups oder jungen Unternehmen wie Outfittery gibt es das eigentlich gar nicht mehr.“

Qualitativ hochwertige und gepflegte Kleidung bleibt ein Muss  

Und doch gibt es Grenzen. „Viele Unternehmen führten vor einigen Jahren den Casual Friday ein. Da er aber unterschiedlich interpretiert wurde, manchmal die Arbeitsmoral litt, wurde er teilweise wieder abgeschafft oder definiert“, beobachtet Lis Droste. Auch bei Banken gibt es weiterhin absolute No-Gos: Jeans und Freizeitschuhe sind weiterhin unerwünscht, wie die FAZ im Mai 2019 über Frankfurter Sparkassen zu berichten wusste. Aber auch ohne jede Vorschrift durch den Arbeitgeber gibt es informelle Regeln. „Jeder hat ein unterbewusstes Verständnis davon, was richtig und falsch aussieht. Das Business-Hemd gehört in die Hose, Schuhe und Gürtel sollten farblich aufeinander abgestimmt sein. Wenn man einen guten Eindruck hinterlassen möchte, berücksichtigt man das bei seiner Outfit-Wahl“, empfiehlt Jens Bastian, der sein Handwerk ehedem bei Peek & Cloppenburg lernte. 

Neue Anforderungen der Digitalnomaden an ihre Kleidung

Über die Gründe für die neue Lockerheit bestehen vielfältige Erklärungsansätze. Angeblich lockerten japanische Firmen vor einigen Jahren den Krawattenzwang wegen der heißen Sommer. Zudem haben Projektarbeit an wechselnden Orten und agiles Arbeiten mit Verantwortungsdelegation in gleichberechtigte Teams die früher starren Hierarchien aufgelockert. Und dank mobiler Endgeräte werden Digitalnomaden bei der Wahl ihrer Arbeitsorte immer mobiler - ob beim Kundeneinsatz, im Café oder im Home-Office. Auch Sportangebote am Arbeitsplatz oder Diensträder, die den CO2-Fußabdruck der Unternehmen senken sollen, haben die Anforderungen an Business-Kleidung verändert. „Die Textil- und Modebranche hat das aber längst berücksichtigt“, meint Lis Droste. „Neue Materialien und Stretch-Anteile haben die Mode bequemer und pflegeleichter gemacht.“ Für den variablen Einsatz empfiehlt sie, die komplette Business Kleidung vielseitig kombinierbar zu kaufen. Farben, Muster, Stoffe sollten dabei so gewählt werden, dass sie gemeinsam tragbar sind. Allerdings müssen Farben und Schnitte auch zu der Person und ihrem Körper passen. Zudem sollte die Arbeitskleidung schon im Kleiderschrank von den Freizeitklamotten getrennt sortiert sein, um sich bei der morgendlichen Auswahl nicht zu vergreifen. Ganz radikal wäre die Variante: „Jeden Tag das Gleiche, aber nie dasselbe“. Zehn gleiche Hosen oder Röcke, Sakkos oder Blazer, die sich jeweils mit leicht variablen Blusen oder Hemden, Schuhen und Gürteln sowie Accessoires kombinieren lassen.  „Zu meinen Favoriten zählt beispielsweise eine Kombination von Blau- und Grautönen, die sich farblich abgestimmt bis in Accessoires wie Einstecktücher oder Socken fortsetzen. Vor zehn Jahren hätte man sich vielleicht noch nicht getraut, von Schwarz oder Dunkelblau abzuweichen“, bestätigt Jens Bastian diese Kombinationsstrategie.

Man ist ehrlich zu sich selbst geworden. Komfort ist ein Qualitätsmerkmal. Außerdem lässt sich auch mit bequemer Kleidung Stil beweisen. Es muss ja nicht direkt die Jogginghose sein. Da gibt es heute zahlreiche Alternativen.

Man ist ehrlich zu sich selbst geworden. Komfort ist ein Qualitätsmerkmal. Außerdem lässt sich auch mit bequemer Kleidung Stil beweisen. Es muss ja nicht direkt die Jogginghose sein. Da gibt es heute zahlreiche Alternativen.

Jens Bastian

Missverständnisse vermeiden durch offene Kommunikation

Business-Kleidung sollte vor allem nicht von der Person ablenken, was nicht nur in beratenden Berufen oder in der Dienstleistung wichtig sei. „Geizen Sie mit Ihren Reizen“, rät Lis Droste. Die sexuelle Konnotation durch Kleidung oder die Art, wie diese getragen wird, hat im beruflichen Kontext nichts zu suchen. Alle Attribute, die sich mit „zu“ steigern lassen, seien nicht angemessen: zu kurz (Rock, Socken), zu knallig (Blusen), zu offen (Hemd), zu eng (Hose), zu glitzernd (Kleider), zu tief (Dekolleté). „Chinos statt Anzughosen, Hemden mit Stretch-Anteil, sogar Sneaker sind in weiten Kreisen salonfähig geworden“, registriert Jens Bastian bei den Outfittery-Kunden. Vor allem Vorgesetzte sollten bei fehlendem Dresscode vorsichtig sein, wie weit sie in ihrer Lockerheit bei der Kleidungswahl gehen. Der Abbau von Hierarchien mag in einer digitalen Welt insgesamt ein gesellschaftliches Klima treffen und Distanz abbauen. Das aber sollte nach Meinung von Jens Bastian keinesfalls mit Autorität oder Kompetenz verwechselt werden. Und wenn der Chef zu leger daherkommt, kann das auch zu Verunsicherung der Mitarbeiter führen, berichtet Lis Droste. Ihre Empfehlung: „Auch wenn es keinen förmlichen Dresscode mehr gibt, sollte darüber offen kommuniziert werden, welche Grenzen bei der freien Kleiderwahl weiterhin gelten.“

Eleganz hat Bestand

„Etikette ist ein Korsett, das nicht einengt, sondern stützt“, resümiert List Droste. Auch wenn Kunden heute lässiger gekleidet seien, sollten sich Manager und ihre Teams nicht alles gestatten. Über die Kleidung drückt sich schließlich immer auch eine innere Haltung aus, die gerade im Verkauf oder in der Beratung wichtige und nonverbale Botschaften kommuniziert. Und für schwankende Wetterlagen, auf Reisen oder für Situationen, in die man Overdressed gerät, hat Lis Droste eine Lösung. „Kleiden Sie sich nach dem Zwiebel Prinzip“. Denn ablegen kann man eine Krawatte, einen Blazer oder einen Sakko immer. Jens Bastian rät vor allem Männern, sich auch an Instagram und Co als Inspirationsquelle zu orientieren. „Mann sieht, was abseits des klassischen Anzugs gut aussehen kann - und traut sich, es umzusetzen.“ Denn Eleganz hat auch jenseits der formalen und vielleicht überkommenen Dresscodes Bestand. 

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