16 September, 2019

Weniger Arbeitsstunden, weniger Arbeitstage, gleiches Gehalt - moderne Arbeitszeitmodelle im Vergleich

Es scheint wie ein süßer Traum: weniger Arbeit, mehr Urlaub, und dennoch das gleiche Gehalt. Wovon viele Arbeitnehmer noch träumen, ist in manchen Unternehmen längst Alltag. Die folgenden Unternehmen haben ihre Arbeitszeit in ein Versuchslabor verwandelt.

Die vier-Tage-Woche - Perpetual Guardian

Noch im November 2017 klagte fast jeder zweite bei Perpetual Guardian über die Arbeitszeit: Der Stress sei enorm, Privatleben und Job seien nur schwer vereinbar und es fehle Zeit für Kinder oder ältere Angehörige. Eine Lösung musste her. Aus diesem Grund entschied sich das Management der neuseeländischen Finanz- und Immobilienfirma, ein Experiment zu wagen: Von März bis April 2018 sollten die Angestellten nur vier Tage arbeiten; der Freitag sei frei. Betreut wurde dieses Experiment von der Auckland Business School, um zu erfahren, wie sich die Arbeitszeitverkürzung auf das Unternehmen und die Mitarbeiter auswirke. Doch Bedenken blieben: Würde das Experiment tatsächlich die mentale und physische Gesundheit der Mitarbeiter verbessern? Oder würde es nur in einer wirtschaftlichen Katastrophe enden?

Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Die Angestellten fühlten sich gesünder, 78 Prozent von ihnen gelinge es besser, Privatleben und Job zu vereinen. Der Stress sei gesunken; die Zufriedenheit mit der Firma aber gestiegen. Muss aber nicht mit kürzerer Arbeitszeit parallel die Leistung sinken? Ganz und gar nicht, meint der Geschäftsführer Andrew Barnes. Die Produktivität sei trotz weniger Arbeitszeit nicht gesunken; deshalb wurde die vier-Tage-Woche zum festen Bestandteil der Firma ¬ und das bei gleichem Gehalt.

Der fünf-Stunden-Tag - Tower Paddle Boards

Es klingt zu schön, um wahr zu sein: Nur fünf Stunden arbeiten, die Produktivität verdoppeln und gleichzeitig den Umsatz erhöhen. Doch es funktioniert, und zwar bei dem US-amerikanischen Unternehmen Tower Paddle Boards, einer Firma für Skatebedarf. Er wolle seinen Mitarbeitern ihr Leben zurückgeben, so erklärte sich der Gründer Stephan Aarsto. Doch gleichzeitig erhob er den drohenden Finger: Wer seine Produktivität nicht beibehalte, könne gehen.

Entlassen wurde niemand, der Umsatz stieg enorm: von 7,5 Millionen im Jahr 2015 auf 9 Millionen Dollar in 2016. Aarstos neun-köpfiges Team arbeitet nun von 8 Uhr morgens bis 13 Uhr und wird nach Leistung bezahlt: Jeder erhält sein volles Gehalt, solange er genauso viel leistet, wie zuvor in acht Stunden. Das Konzept ist genau durchdacht und der Chef hat seine Gründe für die verkürzte Arbeitszeit: Der Mensch sei keine Maschine und die Produktivität sinke mit jeder Stunde - andererseits seien glückliche Arbeiter produktivere Arbeiter. So dürfe jeder um 13 Uhr gehen; in Ausnahmefällen, dürfe auch länger gearbeitet werden.
 

"Nach acht Stunden kann doch kein Mensch mehr kreativ sein."

"Nach acht Stunden kann doch kein Mensch mehr kreativ sein."

Lasse Rheingans, Digital Enabler

Ein fünf-Stunden-Tag, gleiches Gehalt, gleicher Urlaubsanspruch - Digital Enabler

Gleiche Arbeit, gleiche Bezahlung, weniger Arbeitszeit und zufriedenere Mitarbeiter - diese Idee spukte im Kopf des Digital Enabler Chefs Lasse Rheingans, als er vor seine Belegschaft trat und sprach: "Wollt ihr weniger arbeiten und genauso viel verdienen?" Die Mitarbeiter des Bielefelder IT-Unternehmens stimmten begeistert zu und seitdem hängt ein Flachbildschirm in der Agentur, welche von 8 Uhr morgens bis 13 Uhr die fünf Stunden Arbeitszeit herunterzählt. Seit diesem Zeitpunkt hat sich viel im Zeitmanagement der Belegschaft verändert: Die Meetings wurden von einer Stunde auf 15 Minuten heruntergebrochen, Smalltalk ist verboten und nur Wichtiges wird noch besprochen. Ebenso wurden alle Störfaktoren aus der Arbeit verbannt: kein Handy, kein Chatten, kein Twitter und keine E-Mails. Private Gespräche werden in den Feierabend verschoben und für Zigarettenpausen bleibt auch kaum noch Zeit. 

Dennoch ist es möglich weniger, aber dafür mit höherer Produktivität zu arbeiten. Hier ist sich Lasse Rheingans sicher: "Wenn die Ergebnisse gleich sind, müssten die Stunden eigentlich egal sein." Und so führt er unbeirrt sein Projekt fort und das mit durchschlagendem Erfolg: Aufgrund der attraktiven Arbeitszeit flattern ständig neue Bewerbungen in sein Büro. Zudem hat er ein Buch geschrieben: "Die 5-Stunden-Revolution“. Man könne nur fünf Stunden am Tag konzentriert arbeiten, der Rest sei verschenkte Zeit. Deswegen erscheint Rheingans auch eine 4-Tage-Woche mit weiterhin acht Stunden Arbeitszeit wenig sinnvoll. Dennoch halten nicht alle Mitarbeiter ihre fünf-Stunden-Schicht konsequent ein: Manchmal schaffe man die ganze Arbeit nicht in fünf Stunden, so bleibe man freiwillig länger. Doch dies seien "Mini-Krisen", welche nicht oft vorkämen, erklärt der Chef des IT-Unternehmens. 
 

Freie Urlaubstage und keine Urlaubsbegrenzung - Einhorn

2017 war ein großes Jahr für die beiden Einhorn-Gründer Waldemar Zeiler und Philip Siefer: Die Mitarbeiter kündigten ihnen die Gefolgschaft und das per Unterschrift. Seitdem ist Einhorn ein Versuchslabor außergewöhnlicher Arbeitszeitmodelle: Jeder sucht sich frei aus, ob er ins Büro kommen möchte oder nicht. Jeder entscheidet selbst, wie viel Urlaub er nimmt und jeder ist verantwortlich für den Erfolg der Firma. Trotzdem versinkt das Unternehmen nicht im Chaos ¬ 2018 hat das Unternehmen sogar 2,3 Millionen Euro Umsatz erwirtschaftet.

Dass die Mitarbeiter Arbeitsort- und Zeit selbst bestimmen, ist nichts Neues.  Netflix, Trivago und Virgin machen es ebenso. Waldemar Zeiler aber will mehr. Er möchte den Arbeitsmarkt revolutionieren: Junge Menschen suchen keine Hierarchien, sondern Selbstbestimmung. Einen Job, der Spaß bringt und die Balance von Büro und Privatleben im Einklang hält. Zielorientiertes Führen und Vertrauensarbeitszeit gäbe es in Deutschland einfach zu wenig. Deshalb besuchen seine Mitarbeiter Veranstaltungen und halten Vorträge für eine Veränderung in der Arbeitskultur.
Doch nicht alles funktionierte bisher bestens: Viele Arbeitnehmer nähmen sich, anders als erwartet, zu wenig frei. Als sich die Angestellten ihr Gehalt selbst aussuchen durften, kam es zu Streit. Jetzt gibt es wieder ein festes Gehaltssystem - entschieden durch einen gewählten Gehaltsrat. Selbstbestimmung funktioniert eben noch nicht überall.

Doch egal, ob vier-Tage-Woche oder fünf-Stunden-Tag. Bei allen Modellen blieb eines gleich: Die wirtschaftliche Leistung litt nicht unter den Veränderungen.

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